Was ist Migräne?
Migräne ist eine neurologische Erkrankung mit wiederkehrenden Attacken. Typisch sind mittelstarke bis starke Kopfschmerzen, häufig einseitig und pulsierend oder pochend. Bewegung kann die Schmerzen verstärken. Häufig kommen Übelkeit sowie eine ausgeprägte Empfindlichkeit gegenüber Licht, Geräuschen oder Gerüchen hinzu.
Migräne ist mehr als „starker Kopfschmerz“. Während einer Attacke verändern sich Netzwerke im Nervensystem, die Schmerz, Sinnesreize und andere Körperfunktionen verarbeiten. Die Erkrankung kann den Alltag erheblich beeinträchtigen, ohne dass zwischen den Attacken dauerhaft Beschwerden bestehen müssen.
Migräne kann sehr unterschiedlich aussehen. Nicht jede Attacke ist einseitig, und nicht jede Migräne geht mit Aura einher.
Migräne ohne und mit Aura
Die häufigste Form ist Migräne ohne Aura. Bei einem Teil der Betroffenen tritt zusätzlich eine Aura auf. Eine Aura besteht aus vorübergehenden neurologischen Symptomen, die sich meist über Minuten entwickeln und wieder vollständig zurückbilden.
- Sehstörungen wie Flimmern, Lichtblitze, Zickzacklinien oder ein vorübergehend fehlender Bereich im Gesichtsfeld.
- Gefühlsstörungen wie Kribbeln oder Taubheit, die sich ausbreiten können.
- Sprachstörungen oder seltener andere neurologische Beschwerden.
Eine bekannte typische Aura kann sich von Attacke zu Attacke ähneln. Neu auftretende, ungewöhnlich starke oder anders verlaufende neurologische Ausfälle dürfen aber nicht automatisch als Migräne eingeordnet werden. Besonders bei plötzlich einsetzender Lähmung oder Sprachstörung muss ein Schlaganfall ausgeschlossen werden.
Typische Beschwerden und Phasen einer Attacke
Eine Migräneattacke kann verschiedene Phasen haben, muss aber nicht immer nach demselben Muster verlaufen. Manche Menschen bemerken schon Stunden vorher Veränderungen wie Müdigkeit, Konzentrationsprobleme, Stimmungsschwankungen, Nackenbeschwerden oder veränderten Appetit. Diese Vorboten werden Prodromalsymptome genannt.
Danach kann eine Aura auftreten. Die eigentliche Kopfschmerzphase dauert ohne Behandlung häufig mehrere Stunden und kann von Übelkeit, Erbrechen sowie Licht- und Geräuschempfindlichkeit begleitet sein. Nach der Attacke fühlen sich manche Menschen erschöpft, reizempfindlich oder geistig verlangsamt.
Einzelne Nackenbeschwerden, Heißhunger oder Müdigkeit sind unspezifisch und beweisen keine bevorstehende Migräne. Entscheidend ist das wiederkehrende Gesamtmuster.
Wie wird Migräne festgestellt?
Migräne wird in erster Linie anhand der Krankengeschichte und der typischen Beschwerden diagnostiziert. Ärztinnen und Ärzte fragen unter anderem nach Häufigkeit, Dauer, Schmerzcharakter, Begleitsymptomen, Aura, Medikamenteneinnahme und möglichen Warnzeichen. Eine neurologische Untersuchung gehört zur Einordnung dazu.
Bei einem typischen Verlauf und unauffälliger Untersuchung ist nicht automatisch eine Bildgebung nötig. Magnetresonanztomographie oder andere Untersuchungen werden vor allem dann eingesetzt, wenn Beschwerden untypisch sind, sich deutlich verändert haben oder Hinweise auf eine andere Erkrankung bestehen.
Ein Kopfschmerzkalender kann helfen, Kopfschmerztage, Dauer, Begleitsymptome, Menstruation, mögliche Auslöser und Akutmedikamente zu dokumentieren. Das kann Diagnose und Behandlungsplanung erleichtern.
Welche anderen Kopfschmerzformen werden geprüft?
Spannungskopfschmerzen sind meist eher drückend, leichter bis mittelstark und werden durch normale körperliche Aktivität typischerweise nicht verstärkt. Cluster-Kopfschmerzen verursachen sehr starke, streng einseitige Attacken rund um Auge oder Schläfe und gehen oft mit Tränenfluss, gerötetem Auge oder laufender Nase einher.
Kopfschmerzen können auch Folge anderer Erkrankungen sein. Dann spricht man von sekundären Kopfschmerzen. Beispiele sind Infektionen, Blutungen, Gefäßerkrankungen, Kopfverletzungen oder andere neurologische Erkrankungen. Deshalb ist besonders bei neuen oder deutlich veränderten Kopfschmerzen wichtig, auf Warnzeichen zu achten.
Warnzeichen bei neuen oder ungewöhnlichen Kopfschmerzen
Sofort 112 wählen bei plötzlich einsetzendem extrem starkem Kopfschmerz, Bewusstlosigkeit, neuer Lähmung, neuer Sprachstörung oder anderen schlaganfallverdächtigen neurologischen Ausfällen.
Auch starke Kopfschmerzen nach schwerer Kopfverletzung, Kopfschmerzen mit Krampfanfall oder deutlicher Bewusstseinsstörung benötigen sofortige Notfallabklärung. Fieber mit ausgeprägter Nackensteifigkeit und schwerem Krankheitsgefühl kann ebenfalls auf eine dringliche Ursache hinweisen.
Neue Kopfschmerzen, die sich über Tage deutlich verändern, ungewöhnlich häufig werden oder bei einer Person erstmals in einer besonderen medizinischen Situation auftreten, sollten zeitnah ärztlich beurteilt werden. Außerhalb regulärer Sprechzeiten kann 116117 helfen, wenn eine Abklärung nicht bis zum nächsten Werktag warten kann, aber keine Zeichen für einen lebensbedrohlichen Notfall bestehen.
Akutbehandlung und Vorbeugung – allgemeine Prinzipien
Akutbehandlung
Ziel der Akutbehandlung ist, Schmerzen und Begleitbeschwerden einer Attacke möglichst wirksam zu lindern und Alltagsfähigkeit wiederherzustellen. Je nach Situation kommen allgemeine Schmerzmittel, migränespezifische Arzneimittel wie Triptane – eine speziell zur Behandlung einer Migräneattacke eingesetzte Wirkstoffgruppe – oder andere geeignete Wirkstoffgruppen sowie Mittel gegen Übelkeit infrage. Welche Option geeignet ist, hängt unter anderem von Begleiterkrankungen, Verträglichkeit und bisherigen Erfahrungen ab.
Vorbeugende Behandlung
Bei häufigen oder besonders belastenden Attacken kann eine vorbeugende Behandlung erwogen werden. Dazu gehören nichtmedikamentöse Verfahren wie regelmäßige Bewegung, Entspannungsverfahren und psychologische Verfahren, die beispielsweise den Umgang mit Stress, Schmerzen und belastenden Gewohnheiten unterstützen können, sowie verschiedene Arzneimittelgruppen. Für bestimmte Situationen stehen außerdem Behandlungen zur Verfügung, die gegen den Botenstoff „Calcitonin Gene-Related Peptide“ (CGRP) oder seine Bindungsstelle gerichtet sind. CGRP ist ein körpereigener Signalstoff, der bei Migräne an der Schmerzverarbeitung beteiligt ist.
Vorbeugung bedeutet nicht, dass jede Attacke vollständig verhindert wird. Ziel kann auch sein, Häufigkeit, Dauer oder Schwere der Attacken und den Bedarf an Akutmedikamenten deutlich zu verringern.
Akut- und Vorbeugungsmedikamente sollten entsprechend ärztlicher beziehungsweise pharmazeutischer Beratung verwendet und nicht eigenständig wegen allgemeiner Internetinformationen verändert werden.
Warum kann zu häufige Akutmedikation Kopfschmerzen verstärken?
Wer sehr häufig Schmerz- oder Migränemittel gegen bestehende Kopfschmerzen einnimmt, kann im Verlauf zusätzliche beziehungsweise immer häufigere Kopfschmerzen entwickeln. Das wird Kopfschmerz bei Medikamentenübergebrauch genannt. Das Risiko hängt unter anderem von der verwendeten Wirkstoffgruppe und der Zahl der Einnahmetage ab.
Wichtig ist deshalb, nicht nur die Zahl der Tabletten, sondern die Tage mit Akutmedikation zu dokumentieren. Wer merkt, dass Akutmedikamente immer häufiger nötig werden, die Wirkung nachlässt oder kaum noch kopfschmerzfreie Tage bestehen, sollte dies ärztlich besprechen. Ein eigenständiges abruptes Absetzen kann je nach Medikament problematisch sein und ist nicht für jede Situation gleich geeignet.
Alltag, mögliche Auslöser und Kopfschmerztagebuch
Migräneauslöser sind individuell. Schlafmangel, unregelmäßige Mahlzeiten, Stress, Entspannungsphasen nach Stress, hormonelle Veränderungen oder andere Faktoren können bei manchen Menschen Attacken begünstigen. Eine lange allgemeine Verbotsliste ist deshalb wenig sinnvoll.
Ein Kopfschmerztagebuch kann helfen, das eigene Muster zu verstehen: Wann treten Attacken auf? Wie lange dauern sie? Welche Begleitsymptome bestehen? Welche Medikamente wurden verwendet und wie gut wirkten sie? Auch scheinbare Auslöser können in Wirklichkeit frühe Vorboten einer Attacke sein; deshalb sollten Beobachtungen über längere Zeit betrachtet werden.
Beruf, Bewegung und Lebensgestaltung
Migräne kann Arbeit, Ausbildung, Familie und Freizeit stark beeinträchtigen. Hilfreich können planbare Pausen, ein reizärmerer Rückzugsort, flexible Arbeitsabläufe und eine gute Kommunikation über wiederkehrende Attacken sein. Welche Anpassungen sinnvoll sind, hängt vom tatsächlichen Bedarf ab.
Regelmäßige körperliche Aktivität und Ausdauertraining können Teil der Vorbeugung sein. Während einer akuten Attacke verstärkt Bewegung jedoch häufig die Beschwerden. Ziel ist daher keine starre Pflicht zu Sport, sondern eine langfristig passende und realistische Lebensgestaltung.
Fragen für das nächste Arztgespräch
- Welche Merkmale sprechen bei meinen Kopfschmerzen für Migräne und welche anderen Ursachen wurden geprüft?
- Habe ich eine Migräne mit Aura, und welche Veränderungen wären für meine übliche Aura untypisch?
- Welche Warnzeichen bedeuten für mich, dass ich nicht abwarten sollte?
- Welche Ziele verfolgen wir mit der Akutbehandlung und wann wäre eine Vorbeugung sinnvoll?
- Wie oft nutze ich aktuell Akutmedikamente, und besteht ein Risiko für Medikamentenübergebrauch?
- Welche Einträge im Kopfschmerztagebuch wären für die weitere Behandlung besonders hilfreich?
- Welche Anpassungen bei Arbeit, Schlaf, Bewegung oder Alltag könnten sinnvoll sein, ohne unnötige Verbote aufzustellen?
Verlauf, Heilbarkeit und Aussichten
Verlauf: Migräne ist eine wiederkehrende neurologische Erkrankung, deren Belastung sich im Laufe des Lebens deutlich verändern kann. Attacken können über längere Zeit häufiger oder seltener werden und sich auch spontan bessern. Bei einigen Betroffenen gibt es längere beschwerdearme oder beschwerdefreie Phasen. Andere entwickeln eine chronische Verlaufsform mit sehr häufigen Kopfschmerztagen. Individuelle Auslöser, Lebensphasen, Begleiterkrankungen und ein möglicher Übergebrauch von Akutmedikamenten können den Verlauf zusätzlich beeinflussen.
Heilbarkeit und Behandlung: Eine Behandlung, die die Veranlagung zur Migräne sicher und dauerhaft beseitigt, gibt es derzeit nicht. Das bedeutet aber nicht, dass Migräne unveränderlich bleibt. Akuttherapien können einzelne Attacken lindern oder beenden; vorbeugende medikamentöse und nicht medikamentöse Maßnahmen können Häufigkeit, Schwere und Dauer der Attacken reduzieren. Die aktuelle DGN-/DMKG-Leitlinie richtet die Prophylaxe am individuellen Leidensdruck, an der Einschränkung der Lebensqualität und am Risiko eines Medikamentenübergebrauchs aus. Eine gute Kontrolle oder längere Remission ist daher klar von einer garantierten Heilung zu unterscheiden.
Lebenserwartung beziehungsweise Aussichten: Für Migräne ist eine allgemeine Lebenszeitangabe keine sinnvolle Prognosekennzahl. Im Vordergrund stehen vielmehr Attackenhäufigkeit, Funktionsfähigkeit und Lebensqualität. Der Verlauf kann sich über Jahre verändern und bei manchen Menschen deutlich bessern; bei anderen bleibt eine regelmäßige Behandlung notwendig. Entscheidend für die Aussichten ist, ob eine wirksame Akutstrategie gefunden wird, ob eine Prophylaxe erforderlich und wirksam ist und ob vermeidbare Faktoren wie Medikamentenübergebrauch erkannt werden. Eine persönliche Vorhersage des künftigen Attackenverlaufs ist nicht zuverlässig möglich.
Quellen und Prüfhinweise
- Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) / Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) / AWMF – Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne
- DGN / DMKG / AWMF – Leitlinie Therapie der Migräne für Patientinnen und Patienten
- Bundesministerium für Gesundheit – gesund.bund.de – Migräne: Symptome, Ursachen und Verlauf
- Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) / Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) / AWMF – Kopfschmerz bei Übergebrauch von Schmerz- oder Migränemitteln (Medication Overuse Headache = MOH)
- Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) – Studien & Downloads der DMKG
- Bundesministerium für Gesundheit – gesund.bund.de – Notruf und Notaufnahme
- Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) / Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG): Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne – S1-Leitlinie
- National Health Service (NHS): Migraine
Ergänzende Quellen für „Verlauf, Heilbarkeit und Aussichten“ geprüft: 6. September 2026.
Quellen geprüft: 04.09.2026
Bei neuen oder deutlich veränderten Kopfschmerzen kann eine andere Ursache als Migräne vorliegen. Notfallhinweise haben deshalb Vorrang vor der Annahme einer bekannten Migräne.

